In Kooperation mit dem Kulturforum Schleswig-Holstein e.V.

„Am Tag als Bobby Ewing starb“

(D 2005, 91 Min., Regie: Lars Jessen)

Regisseur Lars Jessen (l.) mit Darsteller*innen (Foto: Neue Mira Filmproduktion GmbH, Jörg Landsberg)

Das Kulturforum SH setzt kulturpolitische Akzente, die die Qualität und Vielfalt des künstlerischen Lebens in Schleswig-Holstein herausstellen. In diesem Kontext wird der vielfach preisgekrönte (u.a. Kunstpreis des Landes SH 2020) Filmregisseur Lars Jessen mit der Vorführung seines Spielfilm-Debüts „Am Tag als Bobby Ewing starb“ (2005) in der FilmFörde #47 geehrt. Im Anschluss stellt sich Lars Jessen unter Leitung von Bernd-Günther Nahm einem Filmgespräch mit dem Publikum.

Nach der Scheidung zieht Hanne (Gabriela Maria Schmeide) mit ihrem 17-jährigen Sohn Niels (Franz Dinda) zu ihrem alten Freund Peter (Peter Lohmeyer) in eine Landkommune, die friedlich gegen das AKW Brokdorf demonstriert. Niels freundet sich mit der Tochter des Bürgermeisters (Luise Helm) an und gerät in die Szene der militanten AKW-Gegner*innen, während er mit dem pazifistischen „Müsli“ Peter überhaupt nicht auskommt. Alles gerät aus den Fugen, als am 29. April 1986, an dem die Serienfigur Bobby Ewing aus „Dallas“ stirbt, auch die Meldung über den GAU in Tschernobyl die Öko-Kommune erreicht …

Lars Jessen wirft mit „Am Tag als Bobby Ewing starb“ einen präzisen, satirisch angehauchten Blick auf die ausklingende Anti-Atom-Bewegung der 1980er Jahre. Zugleich erzählt der Film von einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung, von rebellischen Posen und falsch verstandener „Selbstverwirklichung“. (filmportal.de)

 


Filmbesprechung von Jörg Meyer in infomedia.sh, Februar 2005:

Die Romantik der Revolution

„Am Tag, als Bobby Ewing starb“ (Lars Jessen, D 2005)

Immer diese Seifenopern! Der Tag, an dem Bobby Ewing, sympathischster, weil romantischster Held der TV-Serie „Dallas“, stirbt, geht auch an der Kommune irgendwo auf dem wilden Marschland nahe der Baustelle des AKW Brokdorf nicht spurlos vorbei. Wo der latzhosige und langhaarige Peter (Peter Lohmeyer) als heimlicher Chef – denn Chefs gab’s natürlich eigentlich nicht im befreiten Leben der „Müslis“, die 1986 gegen das Atomkraftwerk zu Felde zogen – der aus Bremen vor Familienwirren geflohenen Hanne (Gabriela Maria Schmeide) und ihrem 17-jährigen Sohn Niels (Franz Dinda) Herberge bietet, ist der „imperialistische Scheiß“ aus der US-amerikanischen Flimmerkiste eigentlich verboten. Er schlägt dennoch ein wie die Bombe, die wenige Wochen später im ukrainischen Tschernobyl hochgeht.

Junge Liebe im Widerstand (Filmstill mit Franz Dinda und Luise Helm; Foto: Neue Mira Filmproduktion GmbH, Jörg Landsberg)

Der GAU ist plötzlich da, während die regenbogige Landkommune noch davor warnt und regelmäßig im umgebauten „AKW – Nee!“-Feuerwehrwagen zur Brandstelle Brokdorf auf Demo fährt. Doch ist das der „größte anzunehmende Unfall“, wenn vorher nur halbherzig angenommene Liebeswirren Peter und Hanne ins Bettchen unter dem Kommunendach gebracht haben und Niels sich darob in eine bezaubernd romantisch gefilmte Liebelei mit der Bürgermeistertochter Martina (Luise Helm) und, agitiert vom Alt-68er Eckhard (Richy Müller), in den militanten Widerstand gestürzt hat? Der Drehbuchautor Ingo Haeb und der Regisseur Lars Jessen zeigen uns, dass vor diesem revolutionshistorischen Hintergrund der kleinste anzunehmende Unfall die Liebe ist.

Denn das Große geschieht immer im Kleinen und umgekehrt – sagt auch die Jury des Max Ophüls-Preises, den Jessens Film im Januar gewann: „Klug und mit leichter Hand inszeniert, besticht der Film durch einen wissenden Blick: Das Kleine wird groß erzählt – das Große klein.“

Lars Jessen hat mit „Am Tag, als Bobby Ewing starb“ (gefördert u.a. von der MSH und der Kulturellen Filmförderung S.-H.) ein Zeitporträt geschaffen, das der Anti-AKW-Revolution ein romantisches Denkmal setzt, selbstironisch und mit einem außergewöhnlich liebevollen Blick – sagt auch die Ophüls-Preis-Jury: „… in keinem Moment ideologisch verkrampfter Blick auf politische und private Verbohrtheiten – die erwartbare Abrechnung gerät zu einer Liebeserklärung.“

Wenn es um Revolutionen – seien es auch nur Revolten mit Sprengstoff am Strommast zur Brunftzeit der Hirsche – geht, muss man vielleicht manchmal den uralten, aber immer wieder gültigen Drei-Wort-Satz „Ich liebe dich“ sagen. Das mag romantisch sein, psychologisch dazu, zwei Unworte bei allen Linken, die Marx gelesen haben und geschult sind in den Fragen der politischen Ökonomie. Aber es zeigt doch, woher die eigentliche Triebfeder für alle Veränderung und jeden Umsturz kommt: Aus dem Persönlichen, das in seiner Unbedingtheit politisch wird.

Selten hat man diesen blinden Fleck aller Linken, aller „Müslis“, aller aus eigener strotzender Kraft selbsternannten Weltverbesserer so scharf belichtet gesehen wie in Jessens Film. Jessen zeigt die Bestürzung über den GAU in Tschernobyl in einer der dichtesten Szenen des Films authentisch, offene Münder, verstörte Augen … Und er verbindet das mit Bobby Ewings Tod, der sich ein Dutzend „Dallas“-Folgen später als bloßer Drehbuchtrick, als Schimäre entpuppt, auf eine umso authentischere Weise: Tschernobyl, Brokdorf, das sind keine TV-Erfindungen, sondern Eingriffe in eine Lebenswelt, die so zart ist, weil sie sich gerade gegen die inneren, man könnte auch sagen: bürgerlich angelernten Widerstände zu etablieren sucht. Jenseits jeder Ideologie zeichnet Jessen ein Bild der Ideologie, wie sie versucht wirklich zu werden – als freie Liebe, als ungezügeltes Aufbegehren, als das, was Geschichte und Filmgeschichten antreibt.

Viele Filme haben wir über Revolutionen, Revolutionäre und die – im diesmal besten Sinne des Wortes – unvermeidlichen Liebesgeschichten drum herum gesehen. Und das Romantische darin war oft nur filmische Farce. Bei Jessen wird solche Romantik der Revolution zur Revolution der Romantik, zu einem Film, der bebildert, wohin wir gehen, wenn wir uns auflehnen gegen uns selbst, gegen die Verhältnisse, die wir selbst generieren – und das aus so etwas Revolutionärem wie Liebe …