„Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht“

(D 1998, 84 Min., Regie: Antje Hubert)

Antje Huberts 20 Jahre alter Dokumentarfilm „Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht“ porträtiert das damals noch als Kieler „Arbeiterstadtteil“ titulierte Gaarden – am Ostufer der Förde Standort der größten deutschen Werft, ehemals nahezu vollständig bestimmt von Schiffbau und Rüstung, zum Zeitpunkt der Entstehung des Films ein so genannter „Problemstadtteil”, was nicht selten mit dem überdurchschnittlich hohen Anteil an Arbeitslosen und MigrantInnen begründet wurde. Gaarden war und ist aber gerade durch die soziale Herkunft und den „Ethnomix“ seiner Einwohnerschaft einer der wenigen Stadtteile Kiels mit echtem „Kiez“-Charakter, mit einer immer spür- und erfahrbaren besonderen Atmosphäre und Identität. Der Film streift mit liebevollem Blick durch Kiez und Industriebrache, trifft auf Menschen, die aus Vergangenheit und Gegenwart berichten, und charakterisiert in sensiblen Skizzen seiner BewohnerInnen dieses multikulturelle, ehemals proletarische Quartier. (Helmut Schulzeck)


Liebeserklärung an einen Kieler Stadtteil

„Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht“
Dokumentarfilm von Antje Hubert

Gaarden, bekannter Arbeiterstadtteil Kiels am Ostufer der Förde, Standort der größten deutschen Werft, ehemals nahezu vollständig geprägt von Schiffbau und Rüstung, zum Zeitpunkt der Entstehung des Films,1997/98, eher ein Problemstadtteil mit überdurchschnittlichen hohen Anteil an Arbeitslosen und Anwohnern mit fremdländischen Wurzeln. Gaarden war und ist aber auch einer der wenigen Stadtteile der Landeshauptstadt mit noch echtem Viertelcharakter, mit einer immer spürbaren und erfahrbaren Atmosphäre und Identität.

Boxte schon immer für die Sozialdemokratie: Gaardener Original Willi Bormann. (Foto: Antje Hubert)

Dieser Atmosphäre und Identität geht Antje Hubert in ihrem 84-minütigen Dokumentarfilm „Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht“, aus dem Jahr 1998 nach. Sie sucht und findet Näheres bei den Bewohnern. So hat sie eine ganze Reihe von Gaardenern, die in ihrer Gesamtheit typisch für dieses Quartier zu sein scheinen, nach ihrem Leben, ihren Nöten und Freuden befragt, somit auch nach ihren Beziehungen zu ihrem Viertel. Menschen aus unterschiedlichen Generationen und sozialer Existenzen kommen stellvertretend zu Wort. Typisches, Alltägliches, Erstaunliches, aber auch Skurriles, das einem bisweilen schmunzeln lässt, wird erzählt. Das Resultat ist ein abwechslungsreicher, auf beste Art unterhaltsamer Zustandsbericht, der trotz aller Missstände und Probleme, von denen er zu erzählen weiß, ein trotzig optimistisches „Dennoch” seiner Protagonisten immer wieder bekundet. Der Film beginnt mit Willi Bormann, der mit seinen mehr als 80 Lebensjahren immer noch eine Kämpfernatur ist und unter Alteingesessenen eine lokale Legende. Er war erfolgreicher Boxer, 20 Jahre Betriebsrat bei HDW und seit 1932 SPD-Mitglied: Schon sein Großvater habe unter Bismarck wegen des Sozialistengesetzes im Knast gesessen, „deswegen bleibe ich auch der Tradition treu. Da ist nichts gegen zu machen”, bekennt er nicht ohne Stolz.

Alte und neue Gaardener erzählen ihre Geschichten. (Foto: Antje Hubert)

Mit Augenzwinkern erinnert er sich daran, wie er aus der Lehre geflogen ist. Er, der als junger Mann mit über 40 siegreichen Kämpfen schon mehrmaliger Landesmeister im Boxen gewesen sei, habe seinen Meister gebeten, ihn nicht zu schlagen, wie er es mit den anderen Lehrlingen tue. Er wüsste sonst nicht, was geschähe. Und dieser habe es dann doch getan. So habe er, Willi, ihm eins „gegeben” und sei aus dem Betrieb geflogen. Selbstbewusst streift er auch seine politische Einstellung: Er habe sich in seinem späteren Beruf die Bezeichnung als „Kranführer” immer verbeten, weil das zu sehr an den Faschismus erinnere. Doch Bormann ist eine Ausnahme. Immer noch sehr „wach”, ist er der erfolgreichste der älteren Gaardener, von denen der teilweise wie ein soziales Kaleidoskop anmutende Film von Anke Hubert erzählt.

Es gibt andere Ältere im Film. Den resignierten kleinen Kaufmann, der alten Zeiten nachtrauert, als die Nachbarschaft noch friedlicher und das Geschäft noch ertragreicher war. Oder die ehemaligen E-Schweißer von HDW; heute Rentner in der Fußgängerzone, die beklagen, dass es das einstige Betriebsklima ihrer alten Werft auf HDW nicht mehr gäbe. In all diesen Personen personifiziert sich unaufdringlich und sympathisch die Geschichte Kiel-Gardens.

Kiez beim Kiosk am Vinetaplatz. (Foto: Antje Hubert)

Die jüngeren Gaardener in diesem Film sind in ihrer Mehrheit Türken. Türken, die sich hier zuhause fühlen mit einer typischen Mentalität aus Underdog-Bewusstsein und unermüdlichem Kämpfergeist. „Meine Ausbildung läuft auf der Straße hier. Irgendwann ist sie vorbei. Vielleicht habe ich dann einige Narben mehr oder weniger, aber was soll’s? Gewinner gibt’s bei uns nicht. Wir sind alle Verlierer”, sagt ein junger Türke, der mit seiner Clique vor einer Spielhalle steht. Und das Statement eines anderen mag für viele seiner Generation in Gaarden gelten: „Wenn die ganze Welt so groß wie Gaarden wäre, das würde mir schon reichen. Ich bin Gaardener, nicht Türke, nicht Deutscher, sondern Gaardener.”

Anders die 17-jährige Sultan Aktas. Erfolgreich kämpft sie um ihren Schulabschluss. Ungewöhnlich selbstbewusst bedauert sie diejenigen, die sie nicht „anstellen” würden. Sie sei nämlich sehr „arbeitslustig”. Der Film macht mit einer Reihe türkischer Jugendlicher bekannt, die fast alle um ihre Lehrstelle kämpfen mussten bzw. noch müssen. Dennoch scheint kaum einer wirklich zu resignieren.

Eine dritte Gruppe, die auch besonders das Straßenbild von Gaarden prägt, ist die der sozial Gestrandeten. Angst, noch mehr zu verlieren als schon von ihnen verloren worden ist, leise Resignation und Alkohol scheint ihr Leben zu begleiten. Der junge Dirk hat wenigstens eine eigene Wohnung. Er bekundet offen, dass er viel lieber von eigener Arbeit als von Sozialhilfe leben würde, wenn man ihn ließe, und tröstet sich mit Erinnerungen an eine frühere China- Reise. Auch hier fällt die Treue zum heimatlichen Stadtteil, bald wie zu einer letzten Zuflucht, auf.

Straßenszene in Gaarden. (Foto: Antje Hubert)

Was den Türken vor der Spielhalle die Straße, sind Uli Westphal die ehemaligen Werftplätze mit ihren Baugruben in seinem “Revier”. Wie ein selbst ernannten Industriearchäologe buddelt und “forscht” er an den östlichen Brachen der Horn nach alten Mauersteinen oder alten Werftbahngleisen, sammelt diese Fundstücke, hat so „fast die gesamte deutsche Stahlindustrie” in seinem Keller und guckt einem bei der Frage, was er denn mit diesen Dingen mache, mit puren Unverständnis an: „Aufbewahren, sonst nichts!”

Antje Hubert hat 5 Jahre in Gaarden gewohnt. Sie „versteht ihren Film als eine Art Liebeserklärung an ein schwieriges Pflaster”. Auch sie hat gesammelt und aufbewahrt: Gaardener. Manchmal kam bei mir der Wunsch auf, von einzelnen Personen mehr zu erfahren. Der Film hätte ruhig 10 Minuten länger sein können, mit ein paar Personen weniger und dafür mehr von den Verbleibenden, was nicht das positive Gesamturteil schmälern soll: Der Stadtteil Gaarden wird durch sensible Porträtskizzen seiner Bewohner erfahrbar gemacht.

Der Film wurde mit 40.000 DM aus Mitteln der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein gefördert und mit Unterstützung der Filmwerkstatt Schleswig-Holstein in derselben produziert. Außerdem erhielt er Unterstützung durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Kiel und entstand in Kooperation mit dem Bildungswerk „anderes lernen” e.V. und der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein. (Helmut Schulzeck)

(aus: Filmbrief Nr. 46 der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein, November 1998; vom Autor überarbeitete und leicht gekürzte Fassung, Dezember 2018)


Mi, 27.2.2019, 19 Uhr, KulturForum in der Stadtgalerie Kiel (Andreas-Gayk-Str. 31)

Eintritt: 5 € (erm. 3 €, Geflüchtete frei)

Links:

Vorfilm:

„KETTEN“: Musikvideo des Gaardener Musikers Eddy Monrow, feat. Hassen Yahya & Ahmad Baraa Meskina (D 2016, 5 Min.) (bei Youtube)